Sonntag, 22. November 2015

Myna fragt... Lady Sonea

Heute darf ich euch Lady Sonea vorstellen. Sie wurde 1982 im schönen Rheinland geboren. Seit sie 2009 zum ersten Mal „Die Gilde der Schwarzen Magier“ von Trudi Canavan gelesen hat, ist sie dieser Geschichte hoffnungslos verfallen und schreibt Fanfictions über die Abenteuer der darin vorkommenden Magier in Romanlänge. Ihre Geschichten veröffentlicht sie auf FanFiktion.de


 Hallo Lady Sonea, schön, dass du dir für mich Zeit nimmst. Gehen wir mal ganz auf Anfang zurück. Wie hat das mit dem Schreiben bei dir angefangen und wie kamst du darauf, Fanfictions zu schreiben?
Ich habe mir schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht und mich in andere Welten geträumt. Teilweise liefen dabei auch Fanfictions zu meinen Lieblingsbüchern und -serien in meinem Kopf ab, ohne dass ich damals wusste, was Fanfictions sind. Ganz schlimm war das in meiner Star Trek und meiner Star Wars Phase. Die Ausdauer, meine Ideen auch aufzuschreiben, bekam ich jedoch erst so mit sechszehn, was angesichts meiner (prä-)pubertären Phantasien über einen emotionalen Mr. Spock oder einen süßholzraspelnden Han Solo auch gut so ist. Denn heute würde ich mich dafür in Grund und Boden schämen und ich bin dankbar, dass es damals noch kein richtiges Internet gab und die Menschheit somit verschont blieb.
Die Idee, Fanfictions aufzuschreiben kam mir erstmals im Spätsommer 2009, als ich „Die Gilde der schwarzen Magier“ ausgelesen hatte, und mit dem Ende einfach nicht leben konnte. Ich würde gerne sagen, ich war maßlos enttäuscht, unzufrieden, wütend und fühlte mich betrogen – doch das trifft es nicht im Geringsten. In den darauffolgenden Wochen konnte ich nicht aufhören, über ein alternatives Ende und eine mögliche Fortsetzung für meine Lieblingscharaktere nachzudenken, und irgendwann wurden es so viele Ideen, dass ich sie aufschreiben musste, bevor sie wieder in Vergessenheit verschwinden. Und dann kam eins zum anderen, ich bekam immer mehr Ideen und aus diesen Ideen entwuchsen neue Ideen und schließlich eine ganze Trilogie. Inzwischen bin ich bei den Vorarbeiten für die zweite Trilogie.

Nun schreibst du ja nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch richtig lange Fanfictions. Woher nimmst du die Inspiration für deine Geschichten? Gibt es Orte oder Dinge, die dich besonders inspirieren?
Es sind eigentlich weniger Orte, als die Bücher und ihre Figuren selbst, die mich dazu inspirieren. Meistens schreibe ich zuhause am Schreibtisch, die Phantasie und die Ideen – das alles spielt sich in meinem Kopf ab. Allerdings gibt es einen Ort auf der Welt, der mich an Sachaka erinnert – ein Land in den Büchern, in dem auch meine erste Trilogie zu einem nicht geringen Teil spielt. Und zwar die Atacama-Wüste in Chile. Im Herbst 2009 war ich dort auf einer Dienstreise von der Uni und habe mich auf der Stelle in diesen Ort verliebt. Dort habe ich auch die ersten Szenen meiner alternativen Fortsetzung geschrieben, die allerdings nicht in Sachaka spielten. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass ich von diesem Ort noch viel mehr Inspiration bezogen hätte, wäre ich länger dort gewesen. Ein Jahr später kam ich für zwei Wochen zurück, und da habe ich wirklich einige Szenen geschrieben, die in Sachaka spielen. Ich weiß noch, ich habe damals alles in Bewegung gesetzt, damit mein Professor mit dorthin gehenlässt – nicht nur wegen der wunderbaren Arbeit dort.
Ansonsten empfinde ich Musik als sehr inspirierend, wobei ich jetzt nicht Musik auf eine bestimmte Szene zugeschnitten höre, um mich in Stimmung zu bringen. Die Stimmung kommt automatisch mit der Musik, die mich gerade bewegt. Sie ist die treibende Kraft hinter allem, was ich tue. Allerdings gibt es auch hier eine Ausnahme. Die beiden Alben Epica und The Black Halo von meiner Lieblingsband Kamelot haben mich dazu inspiriert „Unter tausend schwarzen Sonnen“ zu schreiben. Das ist eine längere Geschichte über die düstere Vergangenheit meines Lieblingscharakters Akkarin, die ich während des Camp-NaNoWriMos im Juli 2014 geschrieben habe. Die beiden Alben sind eine Interpretation von Goethes Faust und ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonisten beider Geschichten und ich habe sie damals nahezu in Dauerschleife gehört.

Wie sieht deine Schreibroutine aus? Gibt es eine bestimmte Tageszeit, gewisse Umstände oder Gegenstände, die dich in Schreibstimmung bringen, oder kannst du immer und überall?
Unter der Woche schreibe ich in der Mittagpause im Büro und abends zuhause. Am Wochenende schreibe ich nach Möglichkeit den ganzen Tag, sofern ich nicht andere Pläne habe. Ob ich dann auch wirklich schreiben kann, hängt stark davon ab, wie stressig mein Reallife ist. Habe ich Stress auf der Arbeit und komme kaum zur Ruhe, kann ich in der Mittagspause oft keinen klaren Gedanken fassen. An solchen Tagen finde ich auch abends selten den nötigen Abstand oder werde dann so müde, dass Schreiben keinen Sinn mehr macht. Schlimmer ist jedoch privater Stress, allerdings fange ich allmählich an, dagegen Strategien zu entwickeln. Manchmal schreibe ich daher auch frühmorgens und vor der Arbeit, weil mein Kopf dann noch frei ist. Allerdings müsste ich dafür oft um 4 Uhr aufstehen, was nur in den Sommermonaten wirklich funktioniert.
Super klappt es mit dem Schreiben dagegen, wenn ich auf Reisen bin. Lange Zugfahrten oder Langzeitflüge bewirken, dass ich völlig losgelöst von meinem Alltag bin und dann kommen die Ideen wie von selbst. Auch sich an einem fremden Ort zu befinden, kann diesen Zustand auslösen. Deswegen freue ich mich schon darauf, mir nächstes Jahr ein Ferienhaus irgendwo am Meer zu mieten und zwei Wochen lang nur zu schreiben.

Woran schreibst du momentan?
Momentan schreibe ich ausnahmsweise einmal an gar nichts, was sich nach sechs Jahren ziemlich seltsam anfühlt. Außer an Blogartikeln und dem einen oder anderen kleinen Projekt, von dem ich noch nicht einmal sagen kann, ob und wann ich es veröffentliche. Deswegen möchte ich auch nichts dazu sagen. Meine erste Trilogie „Die Bürde der schwarzen Magier“ ist gerade beendet, das Korrekturlesen des dritten Teiles wird irgendwann im Winter stattfinden. Momentan sammele ich Ideen für meine zweite Trilogie „Das Erbe der schwarzen Magier“. Diese wird 10-20 Jahre nach meiner ersten Trilogie spielen und auch wieder mit den aus den Büchern bekannten Charakteren und meinen eigenen, die mit der Zeit hinzugekommen sind, bestehen – zumindest, sofern ich die Figuren nicht zwischenzeitlich umgebracht habe *lach* In meinem Kopf bilden sich bereits erste Handlungsstränge und Szenen und ich denke darüber nach, welcher Charakter wann das Zeitliche segnet.

Welche Figur hast du besonders ins Herz geschlossen und warum?
Mein Lieblingscharakter ist Akkarin, der Hohe Lord der Magiergilde. Ich mag auch die meisten anderen Charaktere sehr, aber er hat es mir besonders angetan und er ist auch der Grund, aus dem ich mit diesem Fanfiction-Ding überhaupt angefangen habe. Er ist eine sehr komplexe Figur, düster, mysteriös, kühl, distanziert, skrupellos, unberechenbar und mit einer Neigung sich und seine Umgebung zu kontrollieren. Er könnte den perfekten Antagonisten geben, doch tatsächlich steckt hinter seiner Fassade eine tragische Vergangenheit. Akkarin strahlt eine natürliche Autorität aus, die zu Loyalität inspiriert und andere dazu bringt, ihm zu folgen. Er ist ein sehr ehrenhafter und verantwortungsbewusster Mensch, der vor nichts zurückschreckt, um zu beschützen, was ihm lieb und teuer ist und trotzdem ist er hart und hin und wieder grausam. Er ist niemand, den man sich zum Feind machen möchte, aber er ist auch jemand, in den ich mich auf der Stelle verlieben würde, wäre er echt. Denn ich bin auch nur eine Frau *lach*

Wenn du Trudi Canavan persönlich begegnen würdest, welche Fragen würdest du ihr gerne stellen?
Ganz böse Frage. Wirklich böse. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich diplomatisch reagieren könnte. Zum einen bewundere ich sie, weil sie diese Trilogie geschrieben hat. Und wahrscheinlich müsste ich ihr für dieses überaus miese Ende sogar dankbar sein, weil ich dieses Fanfiction-Universum sonst niemals geschaffen hätte, aber das kann ich auch nach sechs Jahren nicht.
Mit dem Ende hat sie nicht nur ein unglaubliches Potential verschwendet, sondern auch mich und zahlreiche andere Fans der Bücher vor den Kopf gestoßen. Das Ende zerstört etwas. Ich hätte damit leben können, hätte sie dann nicht noch diese Fortsetzung geschrieben, in der sie Akkarins Ruf zerstört und Sonea mit dem Mann zusammenbringt, der sie in der ersten Trilogie auf übelste Weise gemobbt hat und der selbst ohne Akkarin ein ziemlicher Griff in die Kloschüssel gewesen wäre.
Ich glaube daher, ich würde ihr folgende Fragen stellen:
Warum haben Sie dieses unglaublich miese Ende von The High Lord geschrieben, wenn es doch so viele andere Wege gegeben hätte, ein Happy End zu vermeiden?“
Warum haben Sie Akkarin als Charakter posthum in ihrer Fortsetzung zerstört?“
Und warum zum Teufel haben sie Sonea ausgerechnet mit Regin zusammengebracht und dann auch noch auf so unsensible Weise?“
Und ich würde sie fragen, ob sie nicht insgeheim bereut, das getan zu haben, auch wenn sie etwas anderes vorgibt. Ich finde das ziemlich traurig, weil ich mich lieber mit ihr über die Bücher unterhalten würde. Aber das sind eben die Fragen, die mit seit dem Ende der Trilogie bzw. seit ich durch meine Leser Details über die offizielle Fortsetzung erfahren habe, am meisten beschäftigen und die nach einer befriedigenden Antwort verlangen.

Was macht in deinen Augen eine richtig gute Fanfiction aus? Und was sollte man tunlichst
vermeiden?
Was eine gute und was eine schlechte Fanfiction ist, ist immer Ansichtssache und ich glaube, da scheiden sich auch unter den Fanfiction-Autoren die Geister. Ich persönlich finde, eine gute Fanfiction sollte sich am Original orientieren. Die Charaktere sollten ihrer Vorlage entsprechen, das Setting sollte originalgetreu wiedergegeben werden und eigene Erweiterungen sollten in jene Welt passen.
Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn die Charaktere in Fanfictions verzerrt werden. Ich verstehe, dass man dazu neigt, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen in die Figuren zu projizieren und dass jeder seine eigene Interpretation hat. Aber das gehört nicht zu den Dingen, die ich lesen möchte. Wenn ich eine Fanfiction lese, dann, weil mir das Original so gut gefällt, dass ich mehr davon will.
Das soll übrigens nicht heißen, dass ich grundsätzlich etwas gegen Fanfictions habe, in denen die Figuren anders dargestellt werden. Dann sollte der Autor aber von Anfang an deutlich machen, dass dies so gewollt ist. Manchmal kann es nämlich auch sehr spannend ein, mit den Figuren zu experimentieren und sie in einen Kontext zu bringen, in dem sie sich unnatürlich verhalten. Ich kenne das auch aus Science Fiction Serien, wo die Crew eines Raumschiffs den bösen Zwillingen aus dem Paralleluniversum begegnet oder einer der Figuren von einer Alienpräsenz besessen ist. So etwas ist mitunter sehr unterhaltsam.

Du hast mal gesagt, dass du nur das schreiben möchtest, wofür du auch wirklich brennst. Was fasziniert dich so an Fanfictions im Gegensatz zu „eigenen“ Geschichten?
Wofür ich brenne, hat weniger damit zu tun, ob es Fanfiction oder ein eigenes Werk ist. Eine Idee muss mich nachhaltig begeistern, damit ich mit dem entsprechenden Herzblut schreiben kann. Ich hatte dieses Gefühl auch schon früher, als ich noch eigene Geschichten geschrieben habe, aber noch nie so intensiv wie bei „Die Gilde der schwarzen Magier“. Das liegt daran, dass die Bücher mich einfach nicht mehr losgelassen haben, und ich mich mit ihrem Ende nicht abfinden wollte. Und zu einem nicht geringen Anteil liegt das auch an Akkarin. Das zusammengenommen hat bei mir eine regelrechte Gefühls- und Kreativitätslawine ausgelöst.
Vielleicht habe ich diese Erfahrung auch eines Tages bei etwas völlig Eigenem. Aber daran will ich noch lange nicht denken, weil es noch so viel gibt, über das ich zu den schwarzen Magiern schreiben will.

Bist du ein Mensch, der streng nach Plot schreibt, oder bist du eher ein Discovery Writer?
Ich plotte so gut wie nie. Meistens schreibe ich wild darauf los und das auch gerne unchronologisch und bis alle Ideen erschöpft sind. Entweder kommen beim Schreiben weitere Ideen oder ich gelange an einen Punkt, an dem der Kreatitivätsschub erst einmal stoppt. In diesem Fall überlege ich, wie es weitergehen könnte, um zu einem bestimmten Ziel zu gelangen und dann plotte ich tatsächlich ein wenig. Mehr als eine grobe Outline macht bei meiner Arbeitsweise jedoch keinen Sinn. Meine Charaktere lassen sich nur äußerst widerwillig in ein Korsett aus Plotvorgaben zwängen und neigen dann dazu, sich unnatürlich zu verhalten. Ich habe festgestellt, dass es besser ist, sie von der Leine zu lassen und nicht selten komme ich dadurch über Umwege zu meinem Ziel. Dieser Weg erscheint mir dann auch realistischer, als ein strenger Plot. Ich halte mich weder an Schreibratgeber noch verwende ich Charakterbögen oder lasse meine Charaktere Rollenspiele spielen. Neue Charaktere entstehen mit einer bloßen Idee und ich entdecke sie mitsamt ihren Eigenheiten und ihrer Geschichte während des Schreibens und ihren Interaktionen mit anderen Charakteren. Auch die Handlung und neue Schauplätze erlebe ich mit den Charakteren gemeinsam und arbeite aus, was nötig ist, um ihnen und der Geschichte Leben einzuhauchen. Daher bezeichne ich meine Methode auch als Chaos-Discovery-Writing.
Faszinierenderweise funktioniert diese Methode. In meiner ersten Trilogie, die alles andere als durch Planung zustande gekommen ist, habe ich im Nachhinein Strukturen wie die 3-Akte-Struktur wiederentdeckt, die sich nicht nur auf die gesamte Trilogie, sondern auch auf die einzelnen Bände beziehen. Für den NaNoWriMo plotte ich dagegen eine etwas strengere Outline, um eine Schreibflaute zu verhindern. Am besten funktioniert dies bei Projekten mit nur einem Erzählcharakter. Aber auch hier gilt: je weniger plotten, desto besser.


Wie jeder Autor hast du bestimmt mit nervigen Fragen und Vorurteilen zu kämpfen. Wir Schreiberlinge sind einfach eine recht missverstandene Spezies. Welches war die nervigste Frage, die dir je jemand gestellt hat und was antwortest du darauf?
Da sprichst du mir aus der Seele! Als Fanfiction-Autor hat man außerdem eine Außenseiterrolle unter den Autoren und kämpft mit Vorurteilen, gegen die andere Autoren gefeit sind. Ich glaube, mit meiner Chaos-Discovery-Writing Methode ecke ich sogar noch mehr an.
Seit ich Fanfictions schreibe, wurden mir einige Fragen gestellt, die mich inzwischen ziemlich auf die Palme bringen. Dazu arbeite ich auch gerade an einem Blogartikel „Fünf Sprüche, die einem Fanfiction-Autor ankotzen“, inspiriert von einem ähnlichen Artikel des Autors Marcus Johanus. Ich könnte gar nicht genau sagen, welche der Fragen am schlimmsten ist, das variiert. Aktuell ärgere ich mich vor allem über „Warum schreibst du nicht etwas Eigenes?“, weil in dieser Frage viel mitschwingt: Zu freiem Schreiben nicht in der Lage zu sein, ein Freak zu sein, Talentverschwendung, allgemeines Unverständnis. Meistens antworte ich darauf, dass ich das schreibe, wofür ich brenne und dass das im Augenblick meine Fanfictions zu „Die Gilde der schwarzen Magier“ sind. Ich erzähle, wie viel ich in dieser Zeit über das Schreiben und über mich selbst gelernt habe, und dass ich andere Menschen damit glücklich mache. Und ich frage solche Personen, ob sie sich bei dem Ende eines Buches oder Filmes noch nie vorgestellt haben, wie es weitergehen könnte, oder ob sie sich mittendrin nicht gewünscht haben, die Handlung würde einen anderen Verlauf nehmen.

Vielen Dank, dass du dir für mich Zeit genommen hast! 
Vielen Dank, dass du dieses Interview mit mir geführt hast, liebe Myna. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, deine Fragen zu beantworten.

Weitere Informationen zu Lady Sonea und ihren Geschichten findest du außerdem hier:


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