Donnerstag, 21. Mai 2015

Kurzgeschichte: "Vollmond" - Teil 2

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Vollmond - Teil 2


Er blieb abrupt stehen. Blankes Entsetzen lief ihm eisig den Rücken hinunter, sein Puls setzte aus. Die Taschenlampe glitt ihm aus den Fingern, plumpste ins Moos. Ihr Licht fiel genau in die leeren Augenhöhlen des Kopfes, der vor ihm lag. 

Er schrie!

Obwohl er die entstellte Fratze nicht anschauen wollte, konnte er seinen Blick nicht davon lösen. Das Muttermal an der Oberlippe! Vor wenigen Stunden hatte er es noch geküsst. Er sackte zusammen, würgte. Ein saures Rinnsal lief ihm aus dem Mund und tropfte ins Gras. 

Just in dem Moment knackte es hinter ihm. Er wirbelte herum. Im fahlen Licht des Vollmonds erkannte er die Umrisse einer vierbeinigen Gestalt, die knurrend auf ihn zu kam. Er sprang auf, trat dabei auf die Taschenlampe und rutschte darauf aus. Beim Versuch, sich abzufangen, knickte sein rechter Fuß um. Er jaulte, biss sich auf die Zähne. Trotz des quälenden Pochens in seinem Knöchel rannte er los. 

Zur großen Fichte! Schneller! Seine Kehle schnürte sich zu. Knurren hinter ihm, Geräusche von Tatzen, die über den weichen Grund hechteten. Noch schneller! Seine Lungenflügel standen in Flammen und bei jedem Schritt biss der Schmerz in seinen Knöchel. Wo war diese verflixte Fichte? Jetzt bloß nicht die Orientierung verlieren! Die Tatzen kamen näher. Er warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter, was sich sofort als fatalen Fehler entpuppte. Ein abgebrochener Ast ließ ihn stolpern und er stürzte. Verzweifelt versuchte er aufzustehen, doch die jähen Schmerzen in seinem Fuß ergriffen sein ganzes Bein und er fiel erneut. Auf allen Vieren krabbelte er weiter, rutschte immer wieder ab. Schweiß rann ihm den Nacken hinunter. Die dunkle Kreatur holte ihn ein, packte seinen Oberkörper mit ihren riesigen Pranken. Er schrie, zappelte, versuchte sie mit seinen Füßen wegzustoßen. Ihre messerscharfen Krallen bohrten sich durch sein Sweatshirt. Sein ganzer Körper schmerzte unter dem Gewicht der Bestie. Er drückte seine Hände mit aller Kraft gegen ihren Körper, doch es war vergeblich. Ein schleimiger Sabberfaden lief ihm ins Gesicht, als sie ihre Reißzähne bleckte. Ihre blutroten Augen funkelten triumphierend. War da wieder dieser metallische Geruch? Alles um ihn herum drehte sich. Aus seinem Augenwinkel sah er die Baumkronen der Fichten, von denen eine besonders hoch war. „Hilfe“, brachte er noch krächzend hervor, als ein schwarzer Schleier sich über ihn ausbreitete und ihn in einen dunklen Strudel hinein zog. 

Ganz weit entfernt hörte er das schaurige Heulen eines Wolfes.


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